Begriff
MYCIN
Warum wichtig?
Dieser Begriff ist ein Knoten im SengakujiWorks-Wissensnetz. Nutze Level 0 für die erste Einordnung, Level 1 für Praxis, Level 2 für technische Struktur und Level 3 für Grenzen, Fallstricke und Expertenkontext.
In den 1970ern in Stanford entwickelt. Ein KI-Doktor für Infektionskrankheiten (Bakterien im Blut). Es stellte dem echten Arzt Fragen ("Hat der Patient Schüttelfrost?"). Am Ende gab es eine Diagnose und eine Therapieempfehlung ("Nimm Penicillin"). Der Clou: Es war besser als menschliche Ärzte (Junior-Level). Und es konnte erklären, warum: "Ich empfehle Penicillin, weil Regel 52 besagt: Gram-positive Kokken reagieren darauf." Es wurde nie produktiv eingesetzt (Rechtsfragen, Ethik), ist aber der Urvater aller modernen KI-Assistenten.
Merksatz: Ein frühes und wegweisendes Expertensystem (1970er), entwickelt zur Diagnose und Therapie von Blutinfektionen, bekannt für die Einführung von "Certainty Factors" (Ungewissheit).
Es war in Lisp geschrieben.
Es nutzte ca. 600 Regeln.
Das Wichtigste war der Umgang mit Unsicherheit.
Medizin ist nicht schwarz/weiß. "Ziemlich wahrscheinlich Grippe".
MYCIN rechnete nicht mit True/False, sondern mit Wahrscheinlichkeiten (0.7).
1. Certainty Factors (CF)
MYCIN erfand eine eigene Mathe für Unsicherheit (weil Wahrscheinlichkeitstheorie/Bayes damals zu schwer zu berechnen war). CF von -1.0 (Sicher falsch) bis +1.0 (Sicher wahr). Regel: "Wenn Symptom A (CF 0.8) und Symptom B (CF 0.5), dann Diagnose C (CF ?)." Es gab Formeln, um diese CFs zu kombinieren. Später zeigte sich: Echte Statistik (Bayes) ist besser, aber CF war gut genug für den Zweck.
2. E-MYCIN (Empty MYCIN)
Man merkte: Die Logik (Inferenzmaschine) ist super, das Wissen (Bakterien) ist austauschbar. Sie löschten das Medizin-Wissen -> E-MYCIN (die erste "Expert System Shell"). Man konnte nun Regeln für Autoreparatur einfüllen und hatte sofort ein neues System.
1. Certainty Factor Algebra
Die Mathematik hinter MYCIN war präzise definiert. Der Certainty Factor ($CF$) berechnete sich aus dem Maß des Glaubens ($MB$) und dem Maß des Unglaubens ($MD$): $CF(h, e) = MB(h, e) - MD(h, e)$. Wenn neue Evidenz $e_2$ hinzukam, wurden die Werte kombiniert: $MB(h, e_1 \land e_2) = MB(h, e_1) + MB(h, e_2) \cdot (1 - MB(h, e_1))$. Das verhinderte, dass $MB$ jemals über 1.0 stieg. Diese "ad-hoc" Algebra war intuitiv für Experten, führte aber mathematisch zu Paradoxien, die später durch die rigorose Bayesianische Statistik (Netica, Hugin) ersetzt wurden. Dennoch blieb MYCIN das Paradebeispiel dafür, wie man menschliches "Bauchgefühl" in Formeln presst.
2. Backward Chaining & Goal-Driven Search
MYCIN arbeitete strikt rückwärtsgerichtet. Anstatt alle Fakten zu sammeln und zu schauen, was rauskommt (Forward Chaining), startete es mit der Hypothese: "Der Patient hat Meningitis". Es suchte dann nach Regeln, die Meningitis im "Dann"-Teil hatten. Wenn diese Regeln Bedingungen hatten (z.B. "Fieber"), wurden diese Bedingungen zu neuen Unter-Zielen. Das verhinderte, dass das System dem Arzt tausende irrelevante Fragen stellte. Es fragte nur das, was für die aktuelle Hypothese wichtig war. In der modernen Welt findet sich dieses Prinzip in Prolog-Engines und automatischen Debugging-Systemen wieder.
3. Rule-Based Explanations
Ein Alleinstellungsmerkmal war das WHY-Kommando.
Wenn der Arzt fragte: "Warum willst du wissen, ob er schwitzt?", zeigte MYCIN den aktuellen Regel-Pfad: "Ich versuche Regel 107 zu beweisen, die Fieber benötigt, um die Hypothese X zu stützen."
Dies wird heute als Explainable AI (XAI) neu entdeckt. Während Deep Learning (Black Box) heute zwar genauer diagnostiziert, kann es oft nicht sagen, warum. MYCIN bot volle Transparenz – eine Voraussetzung für das Vertrauen in medizinische IT-Systeme.
Quick-Check
Warum hieß es MYCIN?
Weil viele Antibiotika auf "-mycin" enden (Erythromycin, Streptomycin).Warum wurde es nicht genutzt?
Technik war nicht das Problem. Ärzte wollten sich nicht von einem Computer reinreden lassen. Und: Wer haftet, wenn MYCIN den Patienten umbringt? (Das Problem haben wir heute bei Auto-Pilot immer noch).Ist es KI?
Nach heutiger Definition ("Deep Learning") nein. Nach damaliger ("Symbolic AI") ja, absolut High-Tech.